Was heißt das?

Wie viel Nichts passt in ein Herz?

Ein Gefühl, als ob eine Milchglaswand dich und all deine Emotionen von allem Anderen abschirmt. Du hörst deine Kinder lachen, du fühlst die Sonne auf deiner Haut oder den Schnee auf der Zunge, aber in dir brennt ein schwarzes Loch. Es absorbiert jede Regung deiner Seele, es verhindert jede Empfindung. Es blockiert deine Nervenbahnen und am Ende tut es nicht einmal mehr weh.

Ich habe schon Millionen Versuche gestartet, dieses Gefühl zu beschreiben.
Dabei haben viele Menschen dieses Gefühl schon einmal erlebt. So fühlt man sich, eine Weile nachdem ein wirklich nahe stehender Mensch gestorben ist. Wenn schon gar keine Trauer mehr übrig ist. Wenn alles, was bleibt, diese fiese ergreifende Sehnsucht ist.
“Ich wünsche mir, er wäre wieder da.” Natürlich wissen wir, dass dieser Mensch nicht wieder zurückkommen wird. Also sprechen wir den Wunsch nicht aus, wir tragen ihn tief in unserem Herzen. So lang, bis wir bereit sind, neue Erinnerungen zu sammeln. Bis wir wieder Vertrauen fassen in das Leben. Bis der Verlust in seiner Größe in die Ferne rückt, sodass wir ihn nur noch als kleinen schwarzen Punkt in unserer Seele halten.

Was aber, wenn das Gefühl niemals verschwindet – scheinbar grundlos als Dauermieter in deinem Leben sitzt? Wenn du nicht einmal genau weißt, wo sie herkommt?

7. Chronisches Gefühl der Leere.

“Die Borderline-Persönlichkeit, der eine Grundidentität fehlt, erfährt häufig schmerzliche Einsamkeit, die sie motiviert, nach Möglichkeiten zu suchen, diese “Löcher” zu füllen. (…) In vielerlei Hinsicht sucht der Betroffene nicht wegen der positiven Aspekte nach einer neuen Beziehung oder Erfahrung, sondern um dem Gefühl der Leere zu entgehen.” (J. Kreisman “Ich hasse dich, verlass mich nicht”)

An dieser Stelle kann ich wirklich nur aus meiner eigenen Erfahrung sprechen, denn wo die Leere bei anderen Betroffenen kommt, kann ich nicht sagen.

Es ist so und das lässt sich leider nicht leugnen, dass mir in meiner Kindheit kein Urvertrauen in das Leben gegeben werden konnte. Es ist so, dass meine (frühe) Kindheit im Schatten einer Depression stand und ich wohl ein starkes Temperament entwickeln musste, um die Aufmerksamkeit zu bekommen, die ich brauchte. Wie hier schon mal erwähnt, können Bindungsprobleme aus sehr verschiedenen Gründen entstehen: Nicht immer hat es etwas mit fehlender Liebe zu tun. Obwohl ich also weiß, dass meine Eltern mich sehr lieben und immer geliebt haben, hatten sie zu einem für mich sehr wichtigen Zeitpunkt keine Kraft, mir genug von dieser bedingungslosen Liebe und dem Urvertrauen in die Welt mitzugeben. Ich weiß, ich sehne mich nach dieser Akzeptanz. Diesem Gefühl, irgendwo hinzugehören, angeleitet zu werden, Kind sein zu dürfen. Im Grunde sehne ich mich danach, dass mir jemand meine Verantwortung abnehmen möge.

Das ist ein bisschen wie die Sehnsucht nach einem verstorbenen Menschen: Obwohl meine Eltern mir in späteren Zeitpunkt alle Wege geebnet haben, obwohl sie heute achtsam mit mir und meinen Gefühlen umgehen, wird diese Lücke nie so ganz gefüllt werden. Egal wie oft ich wahrnehme und fühle, wo das Gefühl herkommt, egal, wie konsequent ich die Verantwortung für mich selbst übernehme, am Ende überkommt mich Trauer und Wut, weil ich mich in einer Zeit allein fühlen musste, in der ich Liebe gebraucht hätte, eine Zeit, in der meine Emotionalität sich erst entwickelte.

Ich bin groß und stark und erwachsen! Und ich verstehe, je älter ich werde, immer besser, warum alles so war wie es war. 

Aber mein kindliches Gehirn hat das nicht verstanden. Es fühlte Ohnmacht und Verzweiflung und Wut und Trauer und konnte das alles überhaupt nicht aushalten, es hat also einen Puffer eingebaut, der alles erträglicher machte.

Leere.

„Weißt du, was Leere bedeutet?“ Meine Augen suchen die Wände ab, nach irgendetwas, das meine Gedanken aufhält. Es sind schöne Wände. An ihnen kleben Erinnerungen an Zeiten, die mir unendlich weit weg erscheinen. Bierdeckel Ketten ranken sich um Kinokarten, Fotos, Zeichnungen und ein abgerissenes Stück Holz, auf dem unleserliches Gekritzel von betrunkenen Freunden zu sehen ist und jede Wand ist durch dunkelblaue Farbe umrahmt. Aber mein Satz hängt in der Luft fest. Er steht im Raum und hallt durch meinen Kopf, als hätte mein Hirn gerade jetzt verlernt, vernünftige Assoziationen zu knüpfen. Meine Katze starrt mich mit schief gelegtem Kopf an, ihre Augen funkeln gelb im flackernden Licht der Kerze. Dann rollt sie sich unter dem Tisch zusammen, auf dem die Kerze steht um ein bisschen Wärme in diese Halle der Lethargie zu bringen. Meine Wände antworten nicht. Meine Gedanken sind seltsam klar, aber gleichzeitig furchtbar abstrakt. Sie ergäben sicher einen Sinn, wenn ich ihnen zuhören würde, ich bin nur einfach nicht dazu in der Lage, ihnen zu folgen. Ich nehme mein Handy in die Hand und überlege, ob ich vielleicht jemanden anrufen sollte. Reden wäre jetzt sicher eine Wohltat, obwohl ich nicht den Hauch einer Ahnung hätte, was ich sagen sollte. Außerdem fällt mir zu jedem einzelnen Kontakt aus der Liste ein Grund ein, weshalb ein Telefonat gerade nicht in Frage käme. Ich seufze und drehe mir eine Zigarette. Sie schmeckt nicht und brennt viel zu schnell weg. Ich seufze erneut. „Leere ist mehr als Nichts und weniger als Irgendwas“, sage ich zu mir selbst, „Sie beißt dich in dein Herz und sagt dir nicht warum. Sie ist um dich herum, zwischen dir und den anderen Menschen. Sie sitzt zwischen den Zeilen in Liedern, die du liebst, sie liegt neben dir im Bett, sie klebt an jedem weißen Fleck an der Wand! Sie weckt die Wut in dir, sie schürt den Hass, streut Salz in deine Augen – aber sie sitzt die ganze Zeit genau zwischen dir und deinen Gefühlen.“ Wozu rede ich eigentlich? Dieser Gedanke sitzt tief. Bestimmt hat die Leere ihn mir zugeflüstert – es ist ein Satz, der ihr gefällt. Eine Frage, die mich in den Wahnsinn treiben könnte. Reden auch normale Menschen so mit ihren Wänden? Wie komm ich überhaupt auf den Gedanken, nicht normal zu sein? Ach ja – mein Monolog. Irritiert blinzle ich. „Du musst mich auch für völlig bescheuert halten“, schimpfe ich, an meine Katze gerichtet. Ich blinzle nochmal. Aber auch jetzt steht diese anstrengende Frage mitten im Raum und starrt mich an. Was bedeutet ‚Leere‘? Im Grunde bedeutet Leere doch einfach nichts, oder? So einfach ist das. Ich lege mich auf meine Couch und rolle mich unter der Decke zusammen. Müdigkeit reißt an meinen Augenlidern, aber ich zwinge mich wach zu bleiben. Wenn ich jetzt einschlafe, dann wache ich morgen früh auf und bin von Grund auf unzufrieden. Denn dann sitzt sie auf meiner Brust und starrt mich an, gleich mit dem ersten Sonnenstrahl, der meine Nase kitzelt. Das will ich nicht. Leere bedeutet nämlich nicht ‚Nichts‘. Nichts gibt es nicht. Nichts ist lapidar. Die Tüte Marshmallows, die neben mir liegt – da ist ‚nichts‘ drin – nämlich keine Marshmallows mehr. Aber sonst ist in diesem Raum nirgendwo nichts. Überall, wo nichts sein könne, sitzt nämlich diese verflixte Leere. Sie treibt mich dazu, unzufrieden zu sein. Sie schreit mir dauernd die Sinnlosigkeit des Seins ins Ohr und sagt mir, dass alles was ich tue zum Scheitern verdammt ist. Sie will alles kaputt machen, sie ist voller Hass und vor Allem voller Sehnsucht. Und sie ist überall. Sie klebte an dem Zucker der Marshmallows, sie sitzt auf meinen Knien, sie wartet auf dem Balkon auf mich, sie bringt diese verfluchte Kerze zum Flackern. Leere bedeutet… Leere bedeutet Unglück, sie lacht über alle Pläne und reißt mit Vorliebe Kartenhäuser ein. Nichts kann sie zufrieden stellen, nichts bringt sie zum Schweigen, nichts außer Zerstörung. Immerwährende Zerstörung ohne Sinn und Verstand. Aber wenn die Leere dann schweigt und ich die Kartenhäuser wieder aufbauen möchte, dann nimmt die Trauer ihren Platz ein, und die Wut, die vorher durch diese verhasste Leere fortgehalten wurde. Und das will ich dann auch nicht. „Leere zieht ihre Kreise um alles, was das Leben schön machen könnte.“ Erzähle ich weise meiner Katze. Sie rührt sich nicht. Ich seufze. Ich sitze längst wieder. Ich will Musik hören, aber es ist so spät, dass ich schlafen müsste. Außerdem weiß ich, dass Musik es vermutlich nur schlimmer machen würde. Weil doch die Leere zwischen mir und den Tönen sitzt. Langsam merke ich, wie meine Gedanken beginnen zu schweigen und einem tauben Gefühl Platz machen, dass sich zügig ausbreitet. Kurz denke ich darüber nach, ob ich mich eigentlich bewegen könnte, wenn ich wollte? Ich zucke mit den Fingern, und beruhigt seufze ich. Ich glaube, mit jedem Seufzen spucke ich noch etwas mehr Leere in den Raum. Ich versuche die Luft anzuhalten, aber nach ein paar Sekunden habe ich schon wieder vergessen, wozu das gut sein sollte. Unruhig schüttle ich den Kopf. Die Katze springt auf meinen Schoß und rollt sich dort zusammen, aber mir ist überhaupt nicht danach, sie zu streicheln. Ich maule sie an: „Leere ist bissig und langweilig, wütend und traurig und völlig sinnbefreit!“ Plötzlich springe ich auf, und als ich da so im Raum stehe, bin ich selbst überrascht. Die Katze tapst beleidigt zurück unter den Tisch, und fast tut sie mir Leid. Ich sehe auf die Uhr und lege mich direkt wieder ins Bett. „Weißt du was Leere bedeutet?“ frage ich meine Wände erneut. Sie schweigen weiter. „Leere bedeutet, schlaflos zu sein, wenn die Müdigkeit dich bereits komplett im Griff hat.“ Ich drehe mich vom flackernden Licht der Kerze weg und starre die Bierdeckel Kette an. „Leere bedeutet, nichts mehr von dem zu wissen, was einen Zentimeter weit entfernt ist und die Welt unglaublich langweilig und sinnlos zu finden.“ Ich glaube, jetzt hab ich den entscheidenden Gedanken gefunden. „Leere bedeutet Ausweglosigkeit und Angst.“ Ich seufze ein letztes Mal und ziehe mir die Decke bis ganz knapp unter die Nase. „Aber vor Allem“, sage ich an die Katze gewandt, die gerade zu mir auf die Couch springt, „Vor Allem nervt sie einfach.“  (Auszug eines Tagesbuches von 2014)

 

Ich kann etwas dagegen tun. Wenn ich bemerke, dass es dieses Gefühl ist, das mich in den Wahnsinn treibt, dann kann ich gegensteuern: Ich tue mir etwas Gutes. Ich male, ich singe, ich spiele mit dem Filou. Ich rede mit dem Supermann, telefoniere mit Vertrauten, die auch öfter Mal Besuch von der Leere haben.

Ich sperre Leere in einen Käfig und gebe den Dingen Bedeutung.
Das klappt nicht immer. Aber immer öfter.

Und du? Kennst du das Gefühl? Was tust du dagegen? Wie würdest du es beschreiben?

Mit viel Liebe
und Himmel-sei-Dank gerade ohne Leere im Herzen

Kaddi

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