Wohlerzogen, unerzogen oder Beides?

Wenn der Filou “Dantessöön” sagt und sich freut, weil ich ihm auf der Straße seine Wasserflasche gebe, lächeln die Leute. Wenn ich im Supermarkt an der Kasse stehe und er quengelt, bis ich ihn auf den Arm nehme, rümpfen sie die Nase. “Der Kleine hat sie ja fest im Griff!”

Ich lächle dann und sage “Sie müssen ihn mal zu Hause erleben!”

Die Reaktionen reichen dann von “Sie müssen auch mal nein sagen” bis zu “Ach meine Enkelin ist auch so. Da trau’ ich mich gar nicht mehr, was zu sagen.”

Ich habe schon tolle Artikel für taffe Antworten gelesen und welche von aufbrausenden Müttern, die von Übergriffigkeit sprechen, sich bevormundet und in ihrer Rolle als Mutter kritisiert fühlen.

Erzogen, unerzogen: Dem Kind Werte vermitteln, es auf die harte Welt vorbereiten und gleichzeitig sein Entwicklungspotenzial nicht einschränken. Eine Menge Anforderungen, die da an uns gestellt werden!

Einerseits bin ich voll der Meinung, die Leute an der Kasse geht es nichts an, wie ich mein Kind erziehe. Sie sollen mich sehen in meiner Situation, als Mutter, den ganzen Tag mit verschiedenen Lösungsansätzen und der einmaligen Beziehung die man als Elternteil zu seinem Kind nun mal hat.

Andersrum heißt es doch auch, zur Erziehung eines Kindes benötigt man ein ganzes Dorf: Nun ja, ich habe kein Dorf. Hat mein Sohn vielleicht doch einen Mehrwert von dem Kommentar an der Kasse?

Ich überlege hier mal laut. Wenn der Filou also im Einkaufswagen sitzt und quengelt, weil er zu mir will oder diese verlockende Tüte Gummibären. Und wenn dann so eine übergriffige ältere Dame oder der übergriffige ältere Herr über meine Schulter guckt und sagt “Na, na. Jetzt kannst du aber auch mal ruhig sein.”

Dann erfährt der Filou doch eigentlich, dass es noch andere Menschen gibt, die an unserem Leben teilhaben.

Sicher wär’ das toll, wenn alle Leute meine Begeisterung für Bindungs orientierte Erziehung teilen würden. Wenn die Leute, statt in die Erziehung einzuwirken, einfach mal mit anfassen und die Ware auf das Band legen würden, weil ich beide Hände voll mit dem Filou zu tun habe.

Aber irgendwie ist es auch in Ordnung, wenn ich aus meiner Filterblase herausgeholt werde und dem Filou zeigen kann, dass es auch andere Leute gibt – Leute, die eben nicht seine Bedürfnisse an erster Stelle sehen.

Es ist ja letzten Endes meine Freiheit, den Filou trotzdem aus dem Wagen zu heben und dann wie ein achtarmiges Meerestier gleichzeitig den Filou zu beruhigen, die Ware auf das Band zu heben und dem Filterblaseneindringling zu erklären, dass er das dürfe.

Dann hat der Filou nämlich gleich zwei Sachen erlebt: Es gibt Leute, die das anders sehen als Mama. Und sie nimmt mich dann aber trotzdem wahr.

Ich kann und will dem Filou ja gar keine Wohlfühlmatrix herstellen, eine Welt initiieren, die ihn vor Allem beschützt.

Ich möchte dem Filou ja eigentlich vorleben, dass wir es uns in der (mitunter sogar gefährlichen) Welt gemütlich machen können und das Beste aus dem herausholen, was da ist.

Und irgendwie ist es vielleicht auch in Ordnung, dass er für ein Dankeschön gelobt wird und für das Quengeln getadelt, denke ich. Es sind die Werte, die ihn da draußen erwarten.

Ein Kommentar an der Supermarktkasse wird nicht zu seiner inneren Stimme. Wichtig ist, wie ich darauf reagiere!

Im Moment bin ich da draußen der Puffer. Ich helfe ihm, zwischen fremden Erwartungen und eigenen Bedürfnissen zurechtzukommen. Indem ich seine Bedürfnisse trotz des dummen Kommentares wahrnehme und wertschätze zeige ich ihm doch, wie er als unerzogenes Kind in einer Welt voll überhöhter Erwartungen einen Platz findet, genau so, wie er ist.

Liebe Leute von der Supermarktkasse: Nein, ich muss mein Kind nicht auf die harte Welt vorbereiten. Wir machen das schon zusammen! In dieser Sekunde seid ihr so viel harte Welt, wie ich meinem Sohn zumuten muss.

Wohlgesonnen und mit Liebe im Bauch

Kaddi

2 Gedanken zu „Wohlerzogen, unerzogen oder Beides?

  1. Das kann ich so unterschreiben und so ist auch meine Sicht auf die Dinge. Ich hoffe, das werde ich auch so meistern wie du, wenn mein Bauchbewohner geboren ist. Dein Bruder hat mir gestern von dem Blog hier erzählt und jetzt klick ich mich durch. Glaube, das ist meine Wellenlänge.

    1. Schön zu lesen! 🙂 Ich denke, jede findet seinen eigenen Weg solche (und andere) Situationen zu meistern. Irgendwo zwischen Intuition, Müdigkeit und Mutterliebe liegen meist die besten Lösungswege!
      Alles Gute für die Schwangerschaft!!

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