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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Die Sache mit dem Glauben, dem Leben und dem ganzen Drum und Dran

An heißen verregneten Sommertagen, mit Luft, die man kaum atmen kann, obwohl sie so wunderbar nach nass-gewordenem Asphalt duftet, an Abenden, die nicht zu Ende gehen wollen, weil die Sonne noch kurz vor Neun am Abend taghelle Strahlen in das sonst eher spärlich beleuchtete Wohnzimmer werfen, an Tagen an denen ich allein hier sitze und nicht spazieren gehen kann, weil mein kleiner Sohn neben an liegt, an denen meine Freunde weit weg und meine Liebe für dich schon im Bett liegt, an diesen Tagen frage ich mich, ob ich an dich glaube.

Und ob ich überhaupt eine Wahl habe. Ich kann ja nicht so richtig bestreiten, dass es dich gibt. Ich atme, ich fühle, ich denke. Ich habe einen Sohn und sein Name spricht von meiner Dankbarkeit.

Aber an dich glauben, dass klingt groß. Zu der Vorstellung von dir zu stehen, gläubig sein, mich zu dir bekennen.

Ich habe Scheu, dich so zu nennen, wie es die Christen tun, oder so, wie die Muslime.
Ich denke, so ein Wort beschreibt dich nicht.
Nicht einmal würde ich behaupten, dass du allmächtig bist.

Mächtig, ja. So mächtig wie das Leben und das Sterben und das Fühlen und das Denken.

Aber wenn ich dich bitten würde, auf mich und meine Lieben aufzupassen und uns sicher nach Hause zu bringen, dann würdest du es nicht tun. Das muss ich nicht fragen und nicht glauben, das weiß ich schon.

Ich kann dich darum bitten, bei Naturkatastrophen und Krankheiten, wenn ich Angst habe, so groß, dass kein Gespräch mir Trost spenden kann. Ich kann dann zu dir sprechen und mir wünschen, dass du mich hörst. Und wer sonst könnte diesen Sorgen gewachsen sein, wenn nicht du, denn du bist allgegenwärtig, in jedem meiner Atemzüge.

Ich denke trotzdem, du würdest es nicht tun, du würdest Niemanden sicher nach Hause bringen und ich denke dass du es nicht tun wirst, weil du es nicht tun kannst.

Ich glaube, du verstehst nicht einmal meine Worte. Sprichst nicht meine Sprache und nicht die irgendeines anderen Menschen.

Ich glaube, es gibt dich, weil es mich und die Welt gibt, weil du ich und die Welt bist.

„Gott ist in jedem von uns“. Jeder von uns ist ein Bisschen Gott.

Unmöglich, das Gott eine Person ist. Also ich meine eine Person. Deshalb ist „Gott“, für mich, auch einfach nicht das richtige Wort. Ich denke nicht, dass jemand die Welt in sieben Tagen erschaffen hat.

Und wenn, dann waren es sehr lange Tage. Es gab ja noch keine Kalender.

Ich glaube nicht, das jemand Licht gemacht hat und “fand, dass es gut war”.
Ich glaube, das Licht ist entstanden und weil das Licht da war, ist der Rest entstanden. Und wenn ich es Gott nennen würde, dann wäre das Gott. Die Entstehung, das Leben, Ursache und Wirkung.

Manchmal ist alles ein einziges großes Chaos, Menschen sterben, Menschen leben. Unschuldige und Schuldige, Traurige und Glückliche. Sie sterben nicht, weil irgendjemand entschieden hat, das dieser Mensch heute am Ende seines Schicksals angekommen ist, sondern weil im Laufe der bis dahin andauernden Entstehung von Allem irgendetwas passiert ist, was dafür sorgte, dass dieser Mensch heute stirbt.

Weil irgendwann, irgendein Kind von seinen Eltern verlassen wurde, weil zwei Erdplatten so zueinander stehen, dass an diesem Tag die Erde beben musste, weil irgendwann irgendeine Bevölkerung zu lang nicht für sich eingestanden ist.

Das fühlt sich wie Chaos an. Aber nur, weil wir so ein Winziges Bewusstsein haben.

Wenn wir alle, alle Gedanken an einen Ort zusammentragen könnten, wenn wir alles wüssten und alles fühlen könnten, was jeder weiß und jeder fühlt (und das weiß ich natürlich nicht sondern glaube es nur), dann wäre es vielleicht nicht so chaotisch. Dann ergäbe es einen Sinn. Ying und Yang mässig.

Das Irrwitzige daran ist, das ginge ja. Es wäre schon möglich, theoretisch, so miteinander zu fühlen und zu denken. Mitgefühl. Das könnte man tun, man könnte über alles reden. Wir müssten nur lernen, die selbe Sprache zu sprechen.

Turmbau zu Babel….

Natürlich hat Gott nicht verschiedene Sprachen erfunden, weil ihm eine Hand voll Leute zu nah auf die Pelle gerückt ist. Aber seht euch nur mal diese Wahnsinns Metapher an!

In der Geschichte, was wollten sie? Wollten sie Gott nah sein, ihm gleich sein?

Die Menschen können sich nicht mehr verstehen, wenn sie verschiedene Motivationen haben, wenn sie nach Macht und immer mehr streben.

Die besten Freunde beginnen zu streiten, wenn sie gemeinsam ein Unternehmen gründen, sobald der eine nach Wachstum und der andere nach zwischenmenschlicher Bedeutung sucht.

Sie verlernen zu sprechen, die selbe Sprache zu sprechen, wenn sie aus den Augen verlieren, dass sie im Grunde gleich sind. Das sie alle Gott sind, ein Zufall sind.

Sie können nicht gemeinsam reden und dann auch nicht gemeinsam denken und träumen. Sie können nicht verstehen, dass der Tod zum Leben dazu gehört und das man sich schlecht fühlen darf, dass die Dinge einen Grund haben.

Ja genau, Dinge haben einen Grund. Keinen Sinn, keinen Zweck, aber einen Grund, ein Fundament – sie passieren, weil etwas anderes passiert ist. Weil jemand etwas entschieden hat, weil ein Sack Reis umfiel, weil ein Schmetterling mit dem Flügel schlug oder alle Asiaten gleichzeitig gehüpft sind. Sie passieren aus einem Grund, nicht im Chaos.

Wir leben aus einem bestimmten Grund. Weil unsere Eltern sich kennengelernt haben, unsere Grosseltern nicht im zweiten Weltkrieg gestorben sind oder deren Eltern oder zu welcher Generation auch immer du gehörst.

Wir leben weil wir leben. Wie chaotisch, wie schwer nachvollziehbar ist das?

Es gibt dich also, weil ich da bin. Und doch liege ich heute in meinem Bett und bin einsam. Aus irgendeinem Grund und ohne irgendeinen Sinn, bin ich heute Abend einsam und denke darüber nach, ob ich an dich glaube, weil es irrsinnig ist.

Aber es stört dich nicht, wenn ich nicht an dich glaube. Ist dir völlig egal.
Es gibt dich auch dann, wenn ich nicht an dich glaube.
Und du hörst mir auch überhaupt nicht zu, wenn ich zu dir spreche.

Aber Pass auf, ich höre dir in Zukunft sehr genau zu, bei deinen Plänen. Ich guck mir an, auf welchem Grund ich mein nächstes Haus bauen werde.

Denn das Wichtigste bei all dieser Philosophie ist doch, dass es dich am Ende gibt. Das es mich gibt, in einer Welt voller Rätsel und Missverständnisse und Gleich-Sein gibt es uns alle und wir lernen und verlernen, dem Leben, dem Sein, Gott?

Zuzuhören. Darauf zu vertrauen, dass es immer weiter geht. Um Kurven und Abgründe und durch Wolken hindurch, wenn wir zuhören, dann geht es so lang weiter, wie wir auf den nächsten Tag, auf uns vertrauen.

Der nächste Tag kommt. Und der nächste und der nächste und irgendwann kommt auch der letzte.

Mein Letzter, nicht deiner. Wenn es jeden Einzelnen von uns nicht mehr gibt, gibt es dich immer noch.

Wie chaotisch ist das denn?

Mit Liebe

Kaddi

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