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Zwischen Wahnsinn und Erwartung - wie viel anders ist normal?

Interview mit dem inneren Zyniker oder “Hör auf dein Bauchgefühl”

Sagen Sie, Frau kadistophe, wann genau haben Sie den Glauben an die Menschheit verloren?

Da müssten ‘se schon konkreter werden. An die Menschheit glaube ich schon noch, lässt sich ja nicht leugnen.

Also würden Sie sich selbst nicht als Zyniker bezeichnen?

Das hab ich nicht gesagt. Ich sagte nur, dass ich schon glaube, dass es noch Menschen gibt.

.. Die Gutes im Sinn haben und etwas zum Guten bewegen?

Das sind zwei Fragen. Und nein, “etwas zum Guten bewegen” ist zu hoch gegriffen. Das Leben setzt sich durch, ja. Aber wir reden hier von einer Kultur, die sich selbst für keine Abgründe zu schade ist und dabei rede ich nicht einmal unbedingt von diesem Jahrtausend. Aber eben auch nicht nur von Vergangenen.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich Ihnen noch folgen kann.

Mir folgen? Das ist auch wirklich keine gute Idee. Ich weiß ja selbst nicht, wo ich hin will.

In diesem Gespräch?

Das ist ein Interview. Ich dachte, Sie hätten schon Fragen, die in eine bestimmte Richtung laufen.

Ähh. Ja. Sie glauben also nicht an die Menschheit?

Das ist doch lächerlich. Natürlich glaube ich an die Menschheit. Sie ist doch noch da. Wenn Sie mich fragen würden “glauben Sie an Gott” dann könnte ich mit einem klaren “kommt drauf an” antworten. Aber ob ich an die Menschheit glaube oder nicht ist doch vollkommen irrelevant.

Glauben Sie denn an Gott?

Kommt drauf an.

[Interviewer stöhnt]

Hey, nicht die Augen verdrehen! Ist ja gut, ist ja gut. Nein, ich glaube nicht an Gott. Ich glaube, es gibt da diese Idee von etwas, das weiß, wo es lang geht. Und das so eine gemeinsame Übermacht Menschen vereint. Aber das Konzept “Religion” führt völlig daran vorbei. Und eine solche Übermacht gibt es wohl auch nicht, jedenfalls keine mit einem Bewusstsein.

Da scheinen Sie ja jetzt recht philosophisch unterwegs zu sein.

Die Gedanken sind frei. [lacht] Also, ja. Philosophieren ist das einzige, das noch zu etwas führt.

Wie meinen Sie das?

Die großen Debatten muss man doch gar nicht mehr zu führen beginnen. Niemand hat alle Argumente in petto und jeder kann sich überall einmischen. Und es gibt kein “gegeneinander abwägen” weil sich einfach jede Minderheit, jeder Einzelne, viel zu wichtig nimmt.

Glauben Sie also an das Gesetz des Stärkeren?

Ob ich dran glaube tut nichts zur Sache. Genau genommen tut es nicht mal etwas zur Sache, ob es existiert. Wir hängen uns zur Zeit an Individualentscheidungen auf und “aufhängen” ist nicht mal im übertragenen Sinne gemeint. Da sterben im Moment ja tatsächlich Menschen dran.

Also sind Sie ein Gegner des Individualismus?

Ein Befürworter. Ich finde prinzipiell großartig, dass jeder etwas zu sagen hat. Aber wenn das schon in meiner Kleinfamilie nicht funktioniert, wie soll das dann im Großen Stil laufen?

Haben Sie ein Beispiel?

Na ganz einfach. Wir sind vier Personen. Wir haben alle verschiedene Wünsche. Aber nur 24 Stunden Tage und begrenzte Möglichkeiten. Wenn der größte Sohn, gerade fünf Jahre alt, Würstchen im Schlafrock essen will, ich aber lieber eine Gemüsepfanne, der Mann währenddessen Gulasch möchte und der Jüngste Spaghetti – dann haben wir ein Zeit- und ein Ressourcenproblem. Da gibt es auch keinen Kompromiss und alle haben Recht damit, sich etwas zu wünschen.

Ich bin nicht sicher, ob sich das so einfach in die Politik übertragen lässt.

Ich auch nicht. Aber am Ende sind alle unzufrieden und keiner ist satt, also, wenn wir das wirklich ausdiskutieren und nicht einfach irgendwer anfängt zu kochen.

Also wären Sie für mehr Aktionismus?

Ich wäre für ein kollektives Gedächtnis. Ein Interface, sozusagen, auf das alle zugreifen können (und in manchen Fällen vielleicht auch müssen.) Sozusagen ein Zentralrechner in den Köpfen, sodass alle dasselbe Basiswissen haben. Es würde viele leidige Diskussionen sparen. [neigt den Kopf] Dieser Bill-Gates-Chip, der mit der Impfung kommen sollte, der könnte das doch vielleicht? [lacht]

Naja, wir haben das Internet…

Ja. Ohne Kommentarfunktion und mit Realitätsfilter wäre das sicher ungefähr das, was ich meine.

Wäre das nicht Zensur?

Von Menschen installiert und ausgewählt? Bestimmt. Der ist wirklich nicht für seine Realitätsnähe bekannt.

Ein kollektives Gedächtnis also. Und dann?

Lösungen finden. Ich denke, viele Probleme würden sich ganz von selbst lösen, wenn Menschen ihre persönlichen Erfahrungen und querschießenden Gedanken nicht mehr als absolute Wahrheit verkaufen würden.

Das klingt doch gar nicht so übel. Also, es klingt, als hielten Sie es für möglich, dass sich etwas ändert.

Da haben Sie jetzt einen ganz falschen Eindruck bekommen. Ich sagte ja bereits – philosophieren ist das Einzige, das noch zu etwas führt. Und zwar zu einem ruhigen Gewissen.

Ähhh…?

Man kann sich an der Welt kaputt denken. Aber wenn man sich die großen Probleme ansieht und sich bewusst wird, dass sie für den winzigen menschlichen Horizont unmöglich zu lösen sind, dann geht es wieder. Also für mich. Da kann man dann ganz leicht wieder geradeaus gucken und denken.

Es ist Ihnen also ganz egal, was aus der Menschheit wird?

Das nicht. Ich vermeide nur, mich dafür verantwortlich zu fühlen. Darin sind schließlich alle Menschen ganz gut.

Sie sagen, Sie sind ein Befürworter vom Individualismus. Gleichzeitig wünschen Sie sich eine Gleichschaltung des Gedächtnisses. Widerspricht sich das nicht?

Nein. Es steht doch jedem frei, was er aus seinem Erfahrungen macht.

Also glauben Sie nicht, dass der Mensch aus seinen Erfahrungen wächst?

Ich halte viel von Persönlichkeitstheorien. Anlage, Genetik, Umwelt. Aber ich halte auch viel von Georg Büchner. Vielleicht widerspricht sich das.

Sie meinen also, es wäre gut, wenn wir alle dieselben Erfahrungen hätten, aber trotzdem wären wir dann nicht gleich?

Sagte ich das nicht gerade?

Ich würde Ihnen gern für Ihre Antworten danken. Ich hab nur leider nicht das Gefühl, weiche bekommen zu haben.

Das geht mir auch immer so, wenn ich mit mir spreche.

Würden Sie für mich ein Fazit aus dem Gespräch ziehen?

Hör auf dein Bauchgefühl. Außer du denkst, deine Erfahrungen haben es kaputt gemacht. Dann denk vorher nochmal drüber nach.

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