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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Regengeister und Wut in der Luft – Eine Kurzgeschichte

“Regengeister”, sagst du und dabei umspielt ein Lächeln deine Lippen. “Was?” Das Wort zerschnitt die angespannte Stille zwischen uns, der ein Streit vorangegangen war.

Ein Streit wie schon hunderte zuvor, du warst wütend und verzweifelt und ich verstand mal wieder nicht warum. So viel Wut passt in jede Zeile, die du sprichst, sie bringt die Luft zwischen uns zum Vibrieren und ich verstehe kein Wort mehr von dem, was du sagst. Ich schweige dann. Was soll ich auch antworten? Du hast ja Recht.

Vielleicht stimmt nicht alles, nicht jeder Satz den du sprichst, aber all dein Gefühl, das den Raum erzittern lässt und meine Zunge betäubt, all dies Gefühl darf da sein, denn ich bin nicht so, wie du dachtest.

Ich bin nur so fehlerhaft wie du. Aber so viele bunte Worte, um all das zu sagen, zu beschreiben, um dir mein Innerstes so offen zu legen, wie du mir deins zeigst, habe ich nicht.

“Die Luft schmeckt, als wären Regengeister hereingeflogen.”

“Und was sind… Regengeister?” erwidere ich, die schlechte Laune hängt als Schatten an meinem amüsierten Schnaufen.

“Merkst dus nicht? Sie räumen die Anspannung beiseite, damit wir besser reden können. Das sind so… Na Winzlinge, die gehören zum kleinen Volk, die ertragen einfach keinen Streit.”

So wie du, denke ich, aber ich sage nichts. Der Frieden ist zerbrechlich, das habe ich gelernt, so zerbrechlich wie dein Herz. Vielleicht sollte ich dir sagen, was ich gelernt habe, von dir und über dich, vielleicht hättest du dann wieder Hoffnung, vielleicht würdest du bei mir bleiben?

“Tut mir Leid”, sagst du, und läutest die nächste Runde ein. “Schon vergessen”, versuche ich, die Ruhe zu erhalten, da glitzern schon die Tränen in deinen Augen. “Ich weiß einfach nicht… Warum sagst du nie was?” fragst du.

Was soll ich sagen, möchte ich erwidern, aber das ist das Falsche, das weiß ich schon. Eigentlich ist alles falsch. Am Besten wäre wohl, wenn ich einfach ginge, wenn du allein zur Ruhe kämst. Wir beide, wir haben ohnehin keine Zukunft, du bist zu laut, zu bunt, zu kaputt – und ich zu stumm. Ich bin zu stumm und funktioniere einsam am Besten, allein mit mir und allem, was ich fühle.

Manchmal fragst du “Fühlst du überhaupt was?” Und dann streiten wir. Oder auch nicht und ich bin nur verletzt. Oder du.

Der Geruch nach Regen liegt noch immer in der Luft. “Vielleicht sollten wir an den See fahren”, schlage ich vor. Ich finde keine andere Antwort.

Ich sehe die Enttäuschung in deinen Augen und wie du den Schmerz herunter schluckst und gegen ein Lächeln tauschst.

“Ja. Für den Moment…” sagst du, dann gehen wir.

Heute sind es die Regengeister, die uns retten. Aber was rettet uns morgen?

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Thema von Anders Norén