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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Das Café der Verrutschten

Im “Café der Verrutschten” gibt es kaum Möbel, die zusammenpassen.

Die Vorhänge sind aus Patchwork, über den Tischen hängen Lampen in Form bunter Puzzlestücke. Die bemalten Schaufenster lassen durch kleine Sterne und Sonnen das Tageslicht hereinscheinen und abends Laternenlicht.

Im Café der Verrutschten gibt es eine Spendenkasse für die, die nicht selbst zahlen können. Du kannst hier auch abends spontan ein Bisschen bei der Arbeit helfen, um dir ein Abendbrot zu verdienen. Es gibt Pancakes und Waffeln und ab und an selbstgemachte Burger.

Nicht nur, aber auch vegetarisch und vegan, natürlich. Es gibt sehr viel Tee und fast immer steht auf der Serviette, die es dazu gibt, etwas Nettes, Handgeschriebenes.

Das Besondere an diesem Café ist das Gefühl von zu Hause, dass dort so schnell aufkommt. Du bist eben willkommen.

Einmal in der Woche gibt es Literaturabende: man kann dort eigene Texte vortragen oder fremde. Dafür gibt es sogar eine Schattenwand für Lampenfiebernde, die sich sonst nicht trauen.

Musiker dürfen dort spielen, wenn sie Lust dazu haben. Sonst spielt permanent die lange Playlist, die immer länger wird, weil alle Gäste ihre Musikwünsche in das Gästebuch schreiben dürfen. Es ist so ein Wohlfühlort, an dem man sein darf, wie man ist und tun darf, was man will.

Ein Abend in der Woche ist für Selbsthilfegruppen reserviert. Manchmal auch mehrere Tage. Vormittags gibt es Treffs für Eltern und Kinder. Es gibt Tauschbasare für Selbstgemachtes. Moderierte und nicht moderierte Gesprächsrunden.

Ich hab gehört, alle Mitarbeiter dort haben vorher in irgendwelchen sozialen Berufen gearbeitet, keine Ahnung ob das stimmt.

Im Café der Verrutschten kannst du sein, wer du möchtest. Extrovertiert und laut oder still und zurückhaltend. Es lebt von der Unterschiedlichkeit, von der Ambivalenz seiner Gäste. Du darfst dort auch sitzen ohne zu essen oder zu trinken.

Du kannst dort malen, lesen oder schreiben, wenn dich der Trubel nicht stört. Aber natürlich gibt es auch stille Tage.

Kennt ihr diese Bücherregale für jeden? Die, aus denen man sich Bücher ausleihen darf oder tauschen darf gegen Andere? So eins steht dort. Es musste schon erweitert werden, weil einige ihre eigenen Bücher alle hier lagern – hier kommen sie häufiger zum lesen als zu Hause.

Hier erwartet nämlich keiner etwas, hier darfst du eben so sein, wie du bist. Das Café der Verrutschten ist so ein Stück Märchenwelt, real gemacht. Von Leuten, für Leute. Aufgebaut auf Spenden und der Kreativität vieler Köpfe.

Und das nur, um einen Platz zu schaffen für alle Träumer, alle Sterngreifer, alle “Andersdenker”, um alle Verrutschten ein Stück näher zusammenzubringen.

Natürlich muss man kein Träumer sein, um sich hier wohl zu fühlen, aber es hilft bestimmt.

“Vielleicht können wir ja noch einen Improabend machen”, schlage ich eines Abends vor. “Bei dem man einfach irgendwen anschreien kann, wenn man viel zu wütend wird.”
Der Laden ist voll. “Ist doch eh alles Improtheater. Wenn du wütend bist und schreien willst, sag einfach Bescheid.”

Stimmt. Hier darf man halt auch weinen, wenn einem danach ist. Die Stimmung versauen. “Das Leben ist” steht in bunten Lettern über dem Tresen. Es ist wie es eben ist, und so sind auch die Gäste hier.

Es ist so, dass das Café ohne viel Schnickschnack auskommt. Es gibt einen kleinen Herd im Hinterzimmer und einen Minibackofen, ein paar kalte Getränke sind auch immer da, falls jemand weder Tee, Kaffee noch Kakao leiden kann.

Im Grunde weiß aber jeder, im Café der Verrutschten geht es um was Anderes. “Seelenhunger” (was ein kitschiges Wort!) nach Echtem, nach Zwischenmenschlichem, nach Farben. Der wird hier gestillt!

Wie oft wärst du in diesem Café, wüsstest du, wo es du es finden kannst?

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Thema von Anders Norén