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Zwischen Wahnsinn und Erwartung - wie viel anders ist normal?

Von der Zeit, viel zu sagen

Es gab mal eine Zeit, da hatte einer viel zu sagen.

Da hörten ihm die Leute zu. Und sie schwiegen, so gebannt lauschten sie seinen Worten. Und er redete. Er erzählte von dem, was er sah und was er hörte. Er erzählte viel von dem, was er verstand. Das lag wohl daran, dass er sehr viel verstand, mehr als die meisten.

Er wusste, dass er mehr von den Dingen verstand. Manchmal machte ihn das traurig. Er hätte es gern gehabt, dass jemand käme und ihm sagte, er sähe die Dinge nicht richtig. Er mochte, wie die Leute zuhörten. Er wollte auch gern zuhören.

Aber die Leute redeten nicht, wenn sie ihn sahen. Sie hörten nur zu. Und so redete er weiter. Und alsbald begannen die Leute zu tun, was er sagte.

Er wollte nicht, dass sie taten was er sagte. Er wollte ihnen nur helfen zu verstehen. Aber sie wollten nicht verstehen. Es war ja einer da, der verstand.

Und der, der verstand, redete weiter. Er redete so lang weiter, bis er nichts mehr zu sagen hatte. Die Leute kannten nun alles, was er sagte, aber sie verstanden nicht. Sie taten, was sie einmal hörten. Und wenn es ihnen Probleme bereitete gingen sie zu dem, der verstand und klagten ihn an.

“Ich habe getan, was du sagtest. Und jetzt habe ich ein Problem.”

“Ich verstehe,” sagte der, der verstand. Der, der ein Problem hatte, wurde wütend. “Ich habe das Problem nur, weil du es mir eingeredet hast,” sagte er. Der, der verstand, schüttelte den Kopf. “Ich habe geredet und du hast zugehört. Und dann hast du getan, was ich gesagt habe, obwohl du es nicht verstanden hast,” erklärte er geduldig.

“Hab ich es also falsch gemacht?” fragte der, der ein Problem hatte.

Der, der verstand, sah sich das Problem an und erklärte. “Dein Problem ist kein Problem. Du musst nur tun, wovon du nichts verstehst, um es zu beheben”, sagte er.

Der, der ein Problem hatte, weinte. “Aber du hast nichts zu sagen!?” klagte er. “Ich habe alles gesagt,” sagte der, der verstand. Er mochte es nicht, angeklagt zu werden. Er hatte nichts getan.

“Du verstehst mich nicht,” sagte der, der ein Problem hatte. “Ich verstehe dich”, behauptete der, der verstand. “Aber ich habe ein Problem, deinetwegen”, klagte der, der ein Problem hatte.

“Du hast ein Problem, weil du tust, wovon du nichts verstehst. Und ich habe ein Problem, weil du mir nicht zuhörst.”

“Ich habe das Problem nur, weil ich dir zugehört habe!” sagte der, der ein Problem hatte. “Und ich habe nur gesagt, wovon ich etwas verstehe,” sagte der, der verstand.

Während die zwei redeten, kam ein Dritter. Er hatte eine Lösung für das Problem und erklärte dem, der ein Problem hatte, was zu tun war. Der, der verstand, war froh darüber. Aber der, der ein Problem hatte und der, der es löste, wanden sich von dem, der verstand, ab. Der, der verstand, war nun allein und hatte nichts zu sagen.

Er sah die Leute, die Probleme hatten und die, die zuhören wollten und suchte nach anderen, die verstehen. Aber alle, die verstanden, schwiegen.

“Niemand versteht mich,” sagte einer. Und alle schwiegen. Manche, die nichts zu sagen hatten, begannen zu reden. Und manche, die nichts verstanden, hörten zu. Und die, die verstanden, schwiegen. Sie hatten nichts zu sagen, weil Niemand ihnen zuhörte.

Denn wenn man dem, der versteht, zuhört, dann bekommt man Probleme, die man nicht versteht, das hatten sie sich gemerkt.

So kam es, dass die redeten, die nichts verstanden, die zuhörten, die ein Problem hatten und die, die verstanden, schwiegen.

Manchmal fanden sich zwei, die verstanden und hörten einander zu – aber alsbald hatten sie nichts mehr zu sagen, also schwiegen sie gemeinsam.

Am Lautesten waren immer die, die nichts verstanden. Sie verstanden nicht, warum sie schweigen sollten.

“Aber wenn du verstehst, warum schweigst du?”, fragte einmal einer einen, der verstand. “Weil niemand hören muss, was ich verstehe,” sagte er, “damit sie selbst verstehen.” Der, der fragte, schwieg eine Weile, dann schüttelte er den Kopf.

“Aber sie hören denen zu, die nicht verstehen und lernen nicht,” sagte er bedauernd.

“Sie glauben nur, was sie verstehen”, sagte der, der verstand. “Und mich verstehen sie nicht. Das verstehe ich nicht,” ergänzte der, der verstand, “Aber Niemand kann es mir erklären.”

Der, der fragte, überlegte, aber auch er fand nicht die richtigen Worte. “Ist das dein Problem?” fragte er.

Ich habe kein Problem,” sagte der, der verstand. “Ich verstehe. Die anderen verstehen nicht.”

Der, der fragte, schwieg. Er verstand. Aber der, der verstand, verstand nicht. Er wollte es nicht verstehen, dachte der, der fragte, bei sich. Aber er sagte es nicht.

Denn was einer nicht versteht, will einer nicht hören. Das verstand er.

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Thema von Anders Norén