Krise heißt “Entscheidung”

Ich stehe an einem Punkt in meinem Leben, der verdammt weh tut.

Als ich schwanger wurde, hatte ich wenig Perspektiven. Ich habe mich da durchgeboxt und wollte meinem Kind eine heilere Welt bieten, als ich hatte.

Ich glaube mit diesen Ambitionen stehe ich nicht alleine da. Ich glaube viele Menschen, die zur Zeit Eltern werden, wünschen sich das für ihre Kinder. Ich glaube sogar, dass dieser Trend schon lange besteht. Ich glaube, auch meine Mutter und mein Vater wollten uns Kindern eine heilere Welt bieten, als sie sie hatten.

Ich bin mir sogar sicher, es ist ihnen gelungen, sie war heiler, aber nicht heil.

Die Welt des Filou’s ist auch nicht heil. Sie hat Risse. Sie hat Risse, gezeichnet von Wut und Ungeduld und an einigen Stellen auch von Unsicherheit.

Unsicherheit, weil sein Papa nur manchmal da ist und Mama und Papa sich nicht so toll verstehen, wie sie vor hatten. Unsicherheit weil die erste Kita nicht toll war und er da trotzdem hin musste. Unsicherheit weil er mit nur einem Jahr in eine neue Wohnung gezogen ist und der Mann, mit dem er dort lebte, jetzt auch nicht mehr dort ist.

Unsicherheit, weil ich emotional aufgeladen bin und mal zu Hause bin und mal nicht.

Aber der Filou hat eine Sicherheit auf die er verdammt nochmal bauen kann: Seine Mutter.

Ich. Krisenfest und voller Pläne.

Ich lese entmutigende Beiträge alleinerziehender Mütter. Zu wenig Geld, zu wenig Zeit, zu wenig Teilhabe, ungeduschter Alltag ohne Küsse und Blumen.

Ohne Partner, mit dem man abends sprechen kann, kein Urlaub, kein Luxus.

Wisst ihr, was ich nicht ausstehen kann? Ich hasse jammern.

Um Himmels Willen! Ich sehe dich und du hast Recht. Nein, ich greife Niemanden an, nein, du darfst das Schreiben. Ich fühle mit dir, es ist wichtig, auch mal Dampf rauszulassen

Ich habe nichts dagegen, wenn Andere jammern. Ihr dürft das und ich störe mich nicht daran, es zu lesen.

Aber ich hasse es zu jammern. Ich finde scheiße, wie es ist.

Dass Alleinerziehende Mütter per se mit einem Fuß über die Armutsgrenze treten und abrutschen.

Dass das Netz für psychische Erkrankungen so große Löcher hat, das Bayern darüber nachdenken darf, Betroffene als Straftäter zu behandeln.

Ich finde scheiße, dass ich jetzt einen Job annehmen musste, der mir mehr zumutet als ich tragen kann und ja, ich habe gejammert. Ich habe gejammert und geweint und mich eine Woche krank schreiben lassen. Ich habe den Haushalt brachliegen lassen und Dokumente gestapelt.

Ich habe mich bemitleidet, weil da jetzt ein Tsunami auf mich zurollt.

Und es kotzt mich an, dass ich zwei Mal den gescheiterten Traum der heilen Welt gehen lassen musste.

Es fühlt sich so richtig beschissen an, dass ich nicht mehr an meinen Superhelden glauben kann und das der Filoupapa so viel Angst davor hatte, sich einzulassen, dass er so viel Angst vor dem Schönen hat, das mit den schlechten Gefühlen einhergeht.

Ich hasse, das Worte und Umarmungen nicht reichen um eine Depression zu besiegen und das ich mich nicht von Buchstaben ernähren kann, ich hasse, das ich Selbstverwirklichung hinten anstellen muss, das Haushalt Kind und Ernährung alles an Kraft fressen, was ich als Ressource hab.

Ich jammere weil ich keine Fahrerlaubnis habe und abhängig von der Unterstützung anderer bin und dass ich so weit weg wohne von allen Menschen die mir wenigstens helfen könnten, die emotionale Last zu tragen.

Das meine Ärztin glaubt ein neuer Job würde die Depression besiegen und behauptet, eine Mutter-Kind-Kur wäre Urlaub.

Ich verfluche mich dafür, zu oft meinen Impulsen nachgegeben zu haben.

Über all das jammere ich und das darf auch sein. Es ist nämlich wirklich genau so scheiße und macht mich hilflos und tut weh.

Ich fühle mich ohnmächtig und wünsche mir das jemand kommt und die Verantwortung dafür übernimmt.

Kennt ihr Harry Potter? In Teil 3 wartet er, dass sein toter Vater kommt und ihn vor der den Dementoren rettet. Er wartet, dass er kommt und ihm die Angst nimmt, die schlechten Gedanken, das Fehlen glücklicher Erinnerungen.

Am Ende fällt ihm auf, dass er das war, sein Zeitreise Ich. Er stellt fest, dass er die Verantwortung dafür trägt, ob und wie sein Leben weiter geht.

Und die habe ich. Krise heißt Entscheidung. Entscheidungen kann man nur treffen, wenn man Verantwortung übernimmt.

Seht her! Ich nehme die Verantwortung in einem Anflug von Selbstoptimierungswahn und treffe Entscheidungen.

Ich entscheide, dass ich genug vom Jammern habe. Ich entscheide, dass ich meine Lebensentwürfe über den Haufen schmeiße. Ich entscheide, dass ich genug davon habe, mich hilflos zu fühlen. Ich entscheide, dass ich leckere Gerichte koche die drei Tage halten, für mich! Für mich und das Kind weil ich genug habe von Nudeln und Senfei.

Ich entscheide, dass ich den Job mache und den Filou zur Kita bringe und den Nachmittag so lang draußen im Regen tanze, bis wir tot ins Bett fallen. Ich entscheide, dass ich jeden toten Winkel meines sozialen Netzwerkes beleuchtet bis auch der letzte kapiert hat, dass Ich jetzt dran bin und echte Hilfe brauche!

Ich bin stark und ich weiß alles, was ich wissen muss. Ich werde so lange um die Welt ziehen und unter jedes Blatt sehen bis ich meine Nische gefunden habe, bis mein Stück vorm Glück vor meinen Füßen liegt und ich es nur noch aufheben muss.

Oh und ich werde jammern! Ich werde jammern und allen Leuten erzählen wie scheiße es ist, weil man die Dinge beim Namen nennen muss, damit sie sich ändern. Aber ich werde auch bei jeder Gelegenheit diese verdammten Plastiktüten dabei haben und die Scheiße wegräumen, auch wenn es nicht mein Hund war, der auf den Boden gekackt hat.

Hier! Verantwortung für alle!

Jammere so viel du willst, aber finde dich schnell damit ab, dass dich Niemand an die Hand nimmt!

Sei Harry Potter, mach es einfach selbst!

Mit Liebe

Kaddi

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