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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Tausendundeingedanke zum Thema: Vierzehn Jahre Trauer

Ich bemühe mich ziemlich, nur sehr reflektierte Texte zu veröffentlichen. Meistens überlege ich mir genau, wie viel ich von mir preisgeben möchte.

Früher war ich unbedarft auf Facebook unterwegs. Ich hatte in den Statusnotizen eine Art “öffentliches Tagebuch” gefunden. Im Laufe der Therapie hat sich das ganze auf Papier zwischen zwei Buchdeckeln verschoben.

Das Problem bei so analogen Tagebüchern ist aber, dass sie kein Anderer liest. Außer mir war niemand da, um diese wirren Gedanken zu reflektieren, die Gefühle zu regulieren.

Und Jahr für Jahr zur selben Zeit sammelten sich dort Gedanken zu dem einen, großen Thema, dass mich immerfort durch den Frühling begleitet.

Durch den Frühling und im Grunde durch mein ganzes Leben.

Ich habe mit Therapeuten darüber gesprochen. Mit Freunden. Mit Verwandten. Ich spreche darüber immer und immer wieder, so viel, dass ich es schon Leid bin. Dass ich eigentlich schon lange lieber gar nicht mehr darüber spreche und es deshalb längst schon nicht mehr jedes Mal tue, wenn ich daran denke, weil das Thema so hilflos macht!

Weil die Leute mich ansehen und sagen “Ich wünschte, ich könnte dir helfen”, aber eben niemand so richtig helfen kann.

Und weil ich immer wieder denke, dass ich diesmal einen Schlussstrich ziehen kann. Aber das kann ich nie. Nie so richtig.

Ich habe Briefe geschrieben. Ich habe wütend eine forensische Anstalt abgebrüllt. Ich habe Zeitungsartikel verbrannt und Freunde verprügelt, die etwas Falsches gesagt haben. Ich habe geweint, verzweifelt geschluchzt, zynisch gelacht, Sehnsucht zugegeben und mich schuldig gefühlt. Ich habe gehadert, akzeptiert, bin verzweifelt. Am Leben festgehalten, mir das Leben weggewünscht, verdrängt und wieder hervorgekramt. Und doch.

Ostern steht vor der Tür. Und dann kommt er. Der zehnte April.

Und es ist unfair und anstrengend dass ich beides damit verbinde. Es ist unfair und traurig dass der 10. April 2004 ein verdammter Samstag war, der zwischen Karfreitag und Ostersonntag lag. Und zynisch ist es auch, weil ich mir deshalb schon mit zehn Jahren die Theodizeefrage stellte. Es ist unfair und scheiße, dass ich mit zehn Jahren beschlossen habe, dass Religion Quatsch sein muss, weil du Muslimin warst. Es ist unfair und zum Kotzen, dass ich bei jedem schlecht geschriebenen Zeitungsartikel an dich denken muss. Dass ich jeden Todesfall immer und immer wieder mit dir verknüpfe. Es ist unfair, dass ich nicht frohen Mutes Ostereier färben kann und dass ich keinen Osterstrauch in der Wohnung will.

Es ist unangenehm und schmerzhaft an dich zu denken, weil ich nur so wenige Erinnerungen habe. Weil sich die schlimmen Bilder aus meiner Fantasie in mein Gehirn gebrannt haben. Und die verdammten Worte der Anderen.

Es macht mich wütend, dass ich nicht wütend auf die richtigen Menschen sein kann. Dass ich immer wieder aufs Neue begreifen muss, dass ich unmöglich Schuld daran tragen kann. Es macht mich wütend und traurig dass ich viel zu sehr mit mir beschäftigt war, um zu sehen dass auch Andere darunter litten.

Ich will aufhören. Ich will aufhören, so sehr um dich zu trauern.

Ich will aufhören, für dich leben zu wollen. Ich will aufhören, um dich zu trauern. Alle Gedanken wurden schon gedacht. Es jährt sich zum 14. Mal. Dein Name ist in mein Handgelenk graviert. Deine Geschichte wurde tausend Mal erzählt. Tausend Mal habe ich sie aufgeschrieben. Ich habe schon ganze Klassenzimmer zum Schweigen gebracht mit meinen Gefühlen und deiner Geschichte.

Ich kann nicht lachen über schwarzen Humor. Oder nur selten. Ich kann keine Hubschrauber hören. Ich habe Angst vor Versprechen. Ich möchte keine Horrorfilme sehen. Ich hatte so lang Angst davor, alleine Treppenhäuser zu betreten. Ich habe sooft von dir geträumt. So oft von dir erzählt. So oft an dich gedacht. Ich stand an deinem Grab. Ich habe deine Schwester kennengelernt. Deinen Bruder. Ich rede immer noch dann und wann mit deiner Mutter und dann erinnern wir uns an dich und mich, mit Keksen im Mund in deinem Zimmer.

Ich habe verzweifelt geheult als jemand das Fahrrad klaute, auf dem ich dich fahren ließ. Der kleine, blöde Strohteddy mit plattgedrückter Nase hat mich seit 2004 in jede Wohnung begleitet.

Es ist unfair und ungerecht dass es niemals einfach gut sein wird. Es ist unfair und ungerecht, dass du ein so frühes, so gewaltsames Ende erfahren hast.

Es ist schrecklich, das Menschen einander so etwas antun. Es ist unerträglich. Unerträglich still jedes Mal, wenn ich von dir spreche.

Und es ist in so bedrückender Weise unfair und ungerecht, dass ich dich für immer und mit jeder Faser meines Herzens vermissen werde.

Ich wünsche mir immer noch, dass das alles nur ein Traum ist. Immer noch! Und ich bin immer noch das kleine Mädchen, dass im Bett liegt und hofft. Hofft, dass sie dich finden. Gesund. Und nicht im Bettkasten meines Nachbarn. Meines Nachbarn! Man!

Sowas kann man nicht schreiben. Sowas will keiner lesen. Sowas macht betroffen und traurig und es ist doch Frühling und es muss doch mal gut sein!

Aber nein. Es ist nicht gut und es wird nie gut sein und dieses Jahr ganz gewiss erst Recht nicht.

Und schon wieder ist es da. Das miese, dreckige Schuldgefühl, dass hier nichts verloren hat! Und die Wut auf mich selbst, weil ich mein Versprechen nicht gehalten habe.

Ich finde das so furchtbar lächerlich, rational.

Ein Versprechen zwischen Kindern! “Ich beeil mich! Bin gleich wieder da, warte im Hausflur!”

Und dann bin ich es nicht. Und du in meinem Hausflur. Und mein Nachbar!

14 Jahre. Und es ist immer noch das gleiche Drama.

Ohne Kehrtwende. Ohne glückliche Pointe. Heute – nur voller Gefühl.

Kein Schlussstrich, kein “aber ich weiß ja, das”.

Nur Gefühl.

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