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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Ohne Arbeit, Ohne Wert? (Reihe) Kaddi erzählt:

Einige von euch kennen mich persönlich. Andere haben vielleicht schon von meiner “Karriere” gelesen.

Zusammengefasst und mit der Tür ins Haus bin ich 24 Jahre alt, alleinerziehende Mutter vom Kleinkind, wohne in einer Zwei-Raumwohnung (genau, Zwei-Raumwohnung, Osten!) und derzeit arbeitslos.

Ich habe einen Abschluss der mittleren Reife, ohne Prüfung. Ich habe ein abgebrochenes FSJ und mehrere Zeiten, in denen ich wochenlang arbeitsunfähig erkrankt bin.

Ich habe die Ausbildung zur Sozialassistentin erst beim zweiten Anlauf geschafft. Die Ausbildung zum Heilerziehungspfleger habe ich begonnen, aber nicht zu Ende gebracht. Zum Einen war das Kind wochenlang krank, zum Anderen wurde mir der Druck zu groß.

Ich habe also ein verschenktes halbes Jahr dazu gewonnen, auf dem Papier.

Zertifiziert habe ich den Schulabschluss, ein paar Praktika und den Sozialassistenten (Eine Berufsbezeichnung die sich ohne weiterführende Ausbildung nicht mal gut als Tapete eignet).

Jetzt gerade beziehe ich AlG II. Hartz IV. Oder noch nicht einmal das, weil der Antrag noch nicht bewilligt wurde. Im Eingang des Jobcenters stehen im Moment “Mitten im Leben” Papp-Aufsteller die Betroffene wohl ermuntern sollen, sich einen Job zu suchen und an ihrer Würde festzuhalten, mich aber eher an ein bekanntes RTL-Format erinnern, das mit Würde so viel zu tun hat, wie eine Kuh mit der Fahrerlaubnis.

Zudem tragen sie in ihrer grau-schwarzen Gestaltung eher dazu bei, der drohenden Depression noch schneller die Tür zu öffnen: Kurzum sie sind so wenig motivierend wie die “Arbeiten lohnt sich immer” -Grafiken die in den Wartebereichen hängen und mir vorrechnen, wie viel Prozent meines Einkommens übrig bleiben nachdem sie gegen den Hartz – IV -Satz gerechnet wurden.

Die Vermittlungsvorschläge vom Amt bieten mir an, mich auf Altenpflegehelferjobs oder als Call-Center-Agent mit Nachtschichten zu bewerben, alternativ könne ich auch als Heilerziehungspfleger oder Sozialpädagoge in Beratungsstellen aktiv werden, was ja nun weder zur familiären Situation noch zu meinen Qualifikationen passt und drohen mir an, Sanktionen der Leistungen zu erteilen, falls ich diese Bewerbungen nicht abschicke.

Auf Schreiben von mir reagieren sie überhaupt nicht.

Ich bin eine Ansammlung von Papieren.

Keine Rentenpunkte. Keine Berufserfahrung. Keine nennenswerten Qualifikationen. Lebt freiwillig auf Kosten des Steuerzahlers. Und jetzt, Achtung Knockout: Auch noch psychisch krank.

Niemand hat je zu mir gesagt, ich sei wertlos, mit Augenkontakt und im Wissen um meine Geschichte.

Ich habe ein tolles Umfeld. Rückenwind. “Schreib das Buch. Deine Bücher! Du bist wunderbar wie du bist.” Ich soll mir keinen Druck machen. Es ist wie es ist, Hauptsache ich bemühe mich.

Und trotzdem. Ich bin ein Haufen Papier.

Was nutzt mir mein Einfühlungsvermögen, meine Empathie? Was nutzt das Wissen, dass ich den Mutterjob gut mache, dass ich kochen kann, dass ich wunderbar kreative Angebote mit Kindern machen kann, in einer KiTa arbeiten kann, sogar in einer Jugendpsychiatrie gearbeitet und von den Kollegen wertgeschätzt wurde?

Was nutzt es, dass ich in dem Vierteljahr FSJ eine Beziehung zu einem autistischen Jungen aufgebaut habe die produktiv für uns beide war? Wen interessiert ob ich Geschichten schreiben und erzählen kann, psychiologische und soziale Konstrukte durchschaue, dass ich gewaltfrei kommunizieren kann und meine Mitmenschen auf Augenhöhe behandele?

Davon kann ich meine Miete nicht zahlen. Davon kann ich meinem Sohn nichts Schönes kaufen. So kann ich meinem Ex das Amt nicht vom Hals halten und gehöre nicht zu den Leuten “die es geschafft” haben.

Ich bin ein Haufen Papier. Unterqualifiziertes Papier. Und wenn ich meine Würde nicht verlieren will, muss ich sie in irgendeinem Job in die Garderobe hängen, da kann ich sie nachmittags wenigstens wieder abholen.

Wenn ich mit dem Gedanken spiele, mir jetzt endlich einen verdammten Job zu suchen, stehen mir zweierlei Dinge im Weg:

In dem Beruf, den ich erlernt habe, finde ich keinen. Die Einrichtungen brauchen alle Personal, klar! Aber einen Sozialassistenten können sie sich nicht leisten. Er darf zu wenig machen – und bekommt dafür zu viel Geld.

Und zum Anderen: Was ist mit dem Filou?

Der Teilzeit Kitaplatz tut ihm gut. Er ist entspannter, geht morgens plötzlich gern hin und hat sowas wie einen Tagesrhythmus. Ich habe nachmittags mehr Energie für ihn und wir sind beide glücklicher.

Die Zeit ist für uns Beide sehr wertvoll!

Wenn ich aber mit dem Gedanken spiele, mich eine Weile krankschreiben zu lassen ist er da, der Stempel auf der Stirn. Wertlos.

Der Blog macht mir Spaß. Und er frisst Zeit. Geld verdiene ich damit natürlich nicht.

Das Bilderbuch ist mein Traum und ich bin sicher, dass ich ihn erfüllen kann. Für meinen Lebensunterhalt reicht es aber nicht.

Meine Fähigkeiten sind wertvoll, aber in der Arbeitswelt zählen Sie nicht.

Ich kann viele Dinge, die Andere nicht können. Bekannte nennen mich liebevoll “kleine Scgriftstellerin”, Freunde rufen mich an und sagen “Ich brauch mal deine Hilfe, ich versteh’ mich nicht”, weil ich sortieren und zuhören kann. Ich bin liebevoll und bunt und kreativ. Ich bin beziehungsorientiert und kompromissbereit und verdammt wertvoll.

Ich bin ein verdammt wertvoller Mensch.

Aber ein wertloser Haufen Papier.

Mit Liebe

Kaddi

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