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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Ein Zwiegespräch mit der Depression oder: “biologisch abbaubar”

“Sag mal, wie kam das eigentlich?”, frage ich laut in den leeren Raum hinein.

“Was jetzt, deine Einsamkeit oder das Nicht-reichen in deinem Leben?”, antwortet die Leere.

“Papperlapapp, ich reiche. Aber wie kam ich hier hin?

Ich dachte, ich mach mein Abi. Alle haben immer gesagt, ich mach mein Abi und ich war Einserschülerin. Wie also sollte ich kein Abi machen?”

“Ich bin dazwischen gekommen”, erklärt meine Depression. “Weißt du nicht mehr? Dein Kopf war mit Watte gefüllt und die Ansprüche zu hoch und du hast so sehr danach gesucht, angenommen zu werden, dass du keine Zeit und Kraft mehr hattest, für Vorträge und Klausuren, geschweige denn um morgens aufzustehen.”

Schulterzuckend ignoriere ich das Gelispel. “Pech gehabt. Dumm gelaufen. Aber wollte ich nicht nach Heidelberg, für diese Jugend- und Heimerziehergeschichte?”

Das große Graue lacht. “Die Bewerbung hast du nicht mal abgeschickt. Du hattest viel zu viel Angst und dann hast du dich lieber noch tiefer in diese seltsame Symbiose zu deinem Jugendfreund gestürzt.”

“Oh stimmt, das war irgendwie blöd”, überlege ich laut. “Wir waren beide so unfertig…”

Waren”, schnaubt die Depression verächtlich, aber ich gehe nicht weiter darauf ein. “Naja, aber für das FSJ war ich dann wirklich mutig!”, werfe ich dazwischen. “So auf Krawall und Remmidemmi einfach loszulaufen!”

Mutig kann man das nennen. Oder eben rücksichtslos und egoistisch, so zerrüttet und einsam wie du die Leute hier alle zurückgelassen hast.” Kurz zucke ich zusammen.

“Mensch, da sitzen ja immer noch Schuldgefühle. Die sind jetzt aber wirklich schon ganz schön alt.”

Bevor sich die Depression auf dieses Thema stürzen kann, lenke ich sie ab. “Und zu Ende gebracht hab ich’s ja auch nicht. War auch deine Schuld.”

Schuldig im Sinne der Anklage. Danach hast du mir ja auch endlich ein Bisschen Aufmerksamkeit geschenkt, mit den ganzen Therapeuten. Immerhin hab ich seitdem die Farben, um dir ab und an was von mir zu erzählen. Das war nett.”

“Aber auch echt anstrengend. Und irgendwie hat es auch nicht geholfen, oder? Die Ausbildung danach hab ich trotzdem nicht fertig gemacht.”

Irgendwie habe ich das Gefühl, die Depression und ich haben die Rollen getauscht. Sie legt ihre kalte Hand auf meine. “Na, na. Ich bin eben eine von der besonders fiesen Sorte. Mich wird man nicht so einfach los, und überhaupt, wo willst du ohne mich hin? Und ich brauch doch auch einen Platz zum Schlafen.”

“Du willst nur hier bleiben, weil ich so viele laute Gefühle hab, die du fressen kannst.”

“Der erste kluge Satz, der heute aus deinem Mund kommt”, stichelt das Monster.

Ich schweige.

“Du versaust mir ganz schön viele Sachen”, stelle ich irgendwann fest.

Die Leere schweigt.

“Ich bin übrigens gar nicht so einsam”, fällt mir irgendwann ein. “Ich hab ja schon ein paar Leute.”

Ich höre ein leises, gehässiges Lachen. “Ja schon. Aber das weißt du ja nicht.”

Obwohl der Satz so richtig blöd ist, muss ich ihn hinnehmen. Verstehe schon, was sie meint.

“Ich bin also wegen dir erst hier?”

Du bist deinetwegen schon hier.”

Ich weiß nicht, wem jetzt welche Rolle innewohnt. “Ich bin also hier, wegen dir und wegen mir. Und du? Warum gehst du nicht endlich weg?”

Es dauert einen Augenblick, bis die Depression antwortet.

Du brauchst mich noch eine Weile. Du hast so viele Gefühle…. wenn ich nicht ein paar davon verschlucke, spülen die dich einfach weg. Merkste doch auch selbst?”

Irritiert starre ich ins Leere. “Ich brauch dich nicht,” Murmle ich empört. “Du bist doch das schlechte Gefühl.”

Da verwechselst du was. Streng dich mal an.”

“Du meinst du gehst weg, wenn ich mit mir selbst klar komme?”

Könnte so einfach sein.”

“Kannst du das mal decodieren?”

Warum fragst du ausgerechnet mich, wie das alles kam? Definiere mal ‘alles’, Mädchen. Du redest mehr Unsinn als ich.”

Bockig verschränke ich die Arme vor der Brust. “Du warst die ganze Zeit dabei.”

Und hab ‘Nichts’ gemacht. Aber du hast Entscheidungen getroffen und hast nun bald zwei Kinder in einer schicken Altbauwohnung und jede Menge Träume. Was hindert dich daran, glücklich zu sein?”

Wir schweigen beide.

“Die Angst vorm Scheitern und zu viel Gefühl”, schlussfolgern wir gleichzeitig.

Du könntest gut so sein, wie du bist. Aber du bist wohl noch nicht so weit, mich ganz zu verjagen. Und wenn ich gerade wieder laut genug bin für Gespräche in der Einsamkeit….”

“Dann muss ich wohl mal anfangen, mein Chaos in mir drin wegzuräumen, mh?”

Die Depression hat kein Gesicht. Aber ihr Schweigen deute ich als Nicken.

Und aufhören, die Schuld zu ziehen und zu schieben wie einen kostbaren Schatz. Lass sie einfach stehen.

Die ist biologisch abbaubar.”

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