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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Wenn ich so wäre, wie ich sein will…

Dann könnte der Filou mich nicht aus der Ruhe bringen. Dann könnte ich ihm ruhig erklären, dass er nicht noch mehr Nudeln bekommt und seine Wut darüber, die könnte ich aushalten. Ich könnte entspannt bleiben, wenn er plötzlich keine Lust mehr hat rauszugehen und und könnte meine Pläne seinen Bedürfnissen flexibler anpassen.

Dann würde ich nicht persönlich nehmen, wenn er nach mir schlägt oder versucht mich zu beißen. Ich könnte darauf verzichten, dauernd mein Smartphone in die Hand zu nehmen, ich hätte Lust dazu, mit ihm und seinen Bausteinen zu spielen.

Wäre ich so, wie ich sein möchte, wäre ich zwar manchmal wütend, aber nicht so oft. Und ich würde den Filou deshalb nicht anschreien. Sätze wie “Hör doch mal auf zu weinen!” kämen mir im Leben nicht über die Lippen und schon gar nicht würde ich das in der Wut geworfene Kissen einfach zurückschmeißen.

Ich würde ihn nicht fragen “Spinnst du?” und ich würde nicht drohen “Dann gehen wir nicht mehr raus.”

Ich würde sagen “Nein, das Tablet gibt es nicht, aber ich habe Lust mit dir eine Höhle zu bauen” statt “Willst du einen Film gucken? Ich brauche eine Pause.”

Und natürlich gäbe es auch Tage, da wäre ich das alles nicht, aber sie wären seltener, eine Ausnahme, die ich mur verzeihen kann.

Wäre ich so, wie ich sein möchte, dann könnte ich darüber lachen, dass der Filou sich immer nur meine Nudeln, aber nie seine eigenen nehmen will. Dass es mein Glas und sogar meine Hose sein soll, dass er seine Schuhe nicht an- und dann nie ausziehen will.

Ich würde daran denken, dass er immer dann zur Toilette will, wenn ich gehe und mir einen lustigen Trick überlegen, um dann nicht immer aufgescheucht nervös vor der Keramikschüssel zu hüpfen, bis er fertig ist und es würde mich vielleicht nicht so stören, dass er die Badezimmer aufreißt, wenn ich gerade die Luft zum Stinken bring.

Natürlich würde ich ihm immer noch verbieten, an die Steckdose zu gehen. Aber ich könnte das in diesem wunderbar ruhigen, bestimmten Tonfall machen, den ich in Ärztewartezimmern bei den anderen Müttern sehe.

Und ich würde sicher auch viel öfter, viel gesünder kochen. Statt des Wackelpuddings stünde öfter Mal ein Apfel auf dem Tisch und das Gemüse käme nicht so oft aus der Dose – es wäre halt frisch.

Wenn ich so wäre, wie ich sein möchte, dann hätte ich keinen Grund mehr für ein schlechtes Gewissen.

Das Kind hätte keine Verfärbungen auf den Zähnen und es hätte keinen Rückstand im Impfpass. Ich hätte das von Anfang an gekonnt und ernstgenommen.

Ich hätte gewusst, wie ich mit Wochenbettdepressionen umgehe und ich wäre mir selbst wichtig gewesen, überhaupt wäre alles ganz anders gelaufen!

Wenn ich so wäre, wie ich sein will.

Aber so bin ich leider nicht. Ich schreibe diesen Text mit dem Smartphone in der Hand und ich fing damit an als das Kind noch auf meinem Arm saß, denn ich hab’s in den Schlaf getanzt.

Davor hab ich geschrien er soll aufhören zu weinen, weil die Kraft nicht mehr reichte, für ihn da zu sein, nachdem ich vergebens sein Lieblingsessen kochte, dass auf dem Tisch stehen blieb. Und er durfte Serien gucken als ich in der Küche stand, ich dachte er würde dann die Steckdose nicht anfassen und ich müsste nicht schon wieder Grenzen setzen, die er nicht ernst nehmen kann. Falsch gedacht.

Genau so falsch war der Gedanke er hätte Lust, auf den super tollen Spielplatz zu gehen mit dem Wasser und der Seilbahn – sich anziehen? Pah, dann kann er ja den Penis nicht in die Plastikflasche stecken und…

Also “musste” ich ihn zwingen, denn mir fehlte die Geduld in der unfertigen Wohnung mit Bausteinen zu spielen, ich bräuchte frische Luft. Das war auch für das Kind okay, als wir erst draußen waren – zumindest bis der Hunger ihn überfiel, denn Frühstück fand er auch schon eher doof. Kein Wunder dass seine schlechte Laune meine tangierte, nach der Nacht, die für mich auch erst so spät begann.

Gestern nämlich, davon fang ich gar nicht erst an – waren wir den ganzen Tag allein, ohne Streit. Wir haben gespielt und gekocht und waren auf dem Weihnachtsmarkt, obwohl ich voller Sorge war um Bürokratie und lauter Sachen, die nur Erwachsene machen.

Am Abend war ich zwar erschöpft, aber ein Bisschen Zeit für mich brauchte ich doch.

Nun wurde es zu wenig Schlaf. Und heute ging dann alles schief – Ich wäre das Kissen und ich schrie und er auch.

“ICH BIN SAUER!”

“JA UND ICH AUCH!”

Und nach einer Stunde Angezicke dann, war tanzen doch okay.

Ich hatte zwar das Smartphone in der Hand, aber er kuschelte sich sehr dicht an. Und ich sagte

“Ich hab dich lieb” und er

“Ich hab dich auch lieb, Mama”

und für den Moment ist es okay.

Wäre ich so, wie ich gern sein möchte, dann wäre es immer okay. Aber “für den Moment okay” ist ein Anfang.

Mit Liebe und Lächeln

Kaddi

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