Grenzgänger,  Vom Anderssein

Eine Aneinanderreihung von Geschichten: Mein Leben ist eine Bibliothek

Ich erzähle gern. Ich erzähle von Gestalten, die ihre DNA gut sichtbar auf ihrer Haut tragen, „gezeichnet vom Leben“, von den Fühlstern, von Regenwürmern und Asteroiden, vom Gedankenwald und einer Natur im Einklang mit ihren Bewohnern. Ich erfinde Farben und Gefühle, ich denke mir Geschichten aus, die erklären können, wie das echte Leben funktioniert.

Das liegt daran, dass mein echtes Leben nichts ist als das: Eine Aneinanderreihung von Geschichten. Schönen, traurigen, lustigen. In sich geschlossene Geschichten, übrig ist ein Echo in meinem Kopf, der Nachhall: Wie auch die Stimmen aus „Tintenherz“ sich manchmal in meinen Alltag schleichen und mir Erlebnisse von Maggie und Staubfinger ins Ohr flüstern, obwohl das Buch seit Jahren in meinem Regal einstaubt.

Da war zum Beispiel meine allererste Liebe: Der kleine Junge, der älter war als ich. Mit ernsten Augen und Sommersprossen auf der hellen Haut.

Ich habe ihn nur am Wochenende gesehen und bin damals, ich war fünf Jahre alt, noch bevor Mama aufgestanden ist die fünf Stockwerke nach unten auf den Spielplatz gelaufen, im Sommer, bevor die Sonne die Wiese getrocknet hat, bevor klettern Spaß gemacht hat, weil die Metallstangen noch so kalt waren.

Am Wochenende war er zu Besuch bei seiner Oma. Seine Eltern „waren weg, hat er erklärt und er steht deshalb so früh auf und geht nach draußen, weil seine Geschwister noch nicht wach wären und er auch mal alleine sein konnte.

Ich mochte es sehr, mit ihm draußen zu sitzen. Er erklärte mir die Welt: Die Enten machen „quak“, die Krähen machen „Kräh!“ Und die Spatzen machen „Spatz, Spatz“ und ich runzelte die Stirn. „Die machen ‚piep‘,“ erklärte ich. „Ich weiß das besser, ich bin ein Jahr älter als du. Aber das macht nichts, ich lasse einen Geburtstag aus und dann sind wir gleich alt!“

Ich habe ihm gern in die Augen gesehen, gern mit seiner Schwester gespielt und die ganze Woche auf das Wochenende gewartet. Und irgendwann kam er nicht mehr. Er kam nicht mehr und ich habe Nachforschungen angestellt. Er lebte eine Weile nicht zu Hause, seine Großeltern zogen in eine andere Wohnung, er würde nicht mehr kommen. Klappe zu.

Ich habe ihn wieder gesehen. Irgendwann haben wir uns aneinander erinnert. Aber er hatte kein Jahr auf mich gewartet und wir hatten keine Gemeinsamkeiten. Ich lernte, Dinge verändern sich und schlug das Buch zu.

Ich hatte einen Freund, ich war vierzehn, der trug denselben Namen. Er war lieb und aufrichtig und mochte mich sehr – so wie ich ihn auch. Er war krank. Manchmal konnte er plötzlich nicht mehr sprechen. Einmal besuchte ich ihn im Krankenhaus und er erinnerte sich nicht an mich. In seinem Kopf wuchs ein Pilz und die Medikamente, die er bekam, machten ihm zu schaffen. Aber ich mochte ihn sehr und wir blieben zusammen. Irgendwann war er wieder gesund. Aber ich fühlte mich nicht mehr wohl. Wir stritten uns viel und wir waren nicht glücklich. Ich ging.

Es war eine romantische Geschichte, eine mit Höhen und Tiefen. Aber wir waren sehr verschieden. Dinge verändern sich. Ich schlug das Buch zu.

Ich lasse los, ich schlage zu. Manchmal seh ich nochmal rein. Lasse die Bücher im Regal. Manche Seiten klebe ich zusammen, weil ich sie nicht nocheinmal lesen möchte, andere lese ich meinen Vertrauten immer wieder vor.

Aber ich bedaure nicht, dass sie zu Ende sind, denn Dinge verändern sich!

Schulwechsel, Ortswechsel, Flucht, Trennung, Tod. Winzige Entscheidungen, wohlüberlegt oder aus dem Bauch heraus. Wetter abhängig. Wir können uns nur wünschen, dass es nicht passiert, aber es passiert, Dinge verändern sich!

Und dann schlage ich das Buch zu und schiebe es beiseite. Es ist vorbei. Ich möchte das nächste lesen. Wie es wohl zu Ende geht? Wie viele Seiten es hat? Wird es spannend sein und aufregend oder ist es ein dicker Wälzer mit zu vielen Beschreibungen?

Besser, ich lese es jetzt. Vielleicht habe ich nicht so viel Zeit dafür. Die alten Bücher wieder und wieder lesen ist zwar manchmal schön und manchmal sogar wichtig. Aber es fühlt sich ja doch nie wieder so an wie beim ersten Mal. Vielleicht ist dieses hier ja noch viel schöner als das letzte.

Und wenn es vorbei ist, muss ich es zuschlagen. Es wartet ja schon das nächste, so lang, bis es eines Tages keins mehr gibt.

Dann muss jemand anders das Buch für mich zuschlagen.

Mit Liebe

Kaddi

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