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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Rollentausch

Es ist soweit. Die Wochen sind nur so dahingerannt und die Herausforderung des Jahres ist mir mit großen Stiefeln entgegengestapft.

Das Ausbildungsjahr neigt sich seinem Höhepunkt. Praktikum!

Von den Erfolgserlebnissen letztes Jahr beflügelt, dachte ich, dieses Jahr pack ich das Ding bei den Hörnern. Ich bin stark, groß, erwachsen und weiß, was ich will.

Meine Arbeit gehört denen, die ich verstehen kann. Den Gestrandeten.

Mein Berufswunsch ist, so wie ich, aus Versehen erwachsen geworden. Ich will nicht mehr vordergründig Autorin werden. Psychologe, machen wir uns nichts vor, werde ich in diesem Leben auch nicht. In eine Kita wollte ich nie, aber soziale Arbeit studieren? Puh!

Also Heilerziehungspflegerin. Ein guter Mittelweg. Und jetzt?

Ich hätte wie letztes Jahr in eine Schule gehen können. Schwerpunkt geistige Behinderung. Aber ich musste es ja zu was Persönlichem machen…

Also startet nun am Montag mein fünfwöchiges Praktikum in einer Tagesklinik für Kinder und Jugendliche mit psychischen Erkrankungen. Besondere Bonuspunkte für die Ironie bekommt meine zukünftige Anleiterin : “Also Sie müssen aufpassen mit der Nähe und Distanz. Die Diagnose stellt man in dem Alter noch nicht, aber das sind eben auch die jungen Borderliner. Babyborderliner, sozusagen. Die Kinder wirken ganz normal. Aber sie sind immer noch krank.”

Ich erinnere mich an meinen ersten Klinikaufenthalt. “Ach, du kommst du zu den Babyborderlinern!”

Das war aufmunternd, neckisch gemeint. Im Fahrstuhl, von einem älteren “eingestandenen” Mitpatienten. Ich fand es daneben. Junge Erwachsene. Stecken geblieben in der ewigen Pubertät. Ewiger Kampf mit sich selbst. Und dann “Babyborderline.”

Damals war ich noch nicht so direkt. Ich sagte lieber nichts. Auch diesmal wusste ich nicht, was ich dazu hätte sagen sollen.

“Haben sie schon mal ein Praktikum in so einer Klinik gemacht?” Nein, hab ich nicht.  “Also keine Vorerfahrungen?” Nun ja, denke ich. “Nein”, sage ich.

Ich fühle mich wie eine Hochstaplerin, dabei stimmt es. Keine vergleichbaren Erfahrungen. Ich war Patientin, und zwar in einer anderen Stadt, einer anderen Klinik, mit anderem Schwerpunkt und einer anderen Altersgruppe. Also. Keine vergleichbaren Erfahrungen.

Warum werde ich trotzdem das Gefühl nicht los, gelogen zu haben? Ist es verboten, mit dieser Diagnose dort zu arbeiten?

Habe ich eine Behinderung die dafür sorgt, dass ich nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt arbeiten kann? Ich verneine das. Ich muss mich nicht schlecht fühlen. Ich bin stark und groß und erwachsen. Meistens. Ich werde das Ding einfach rocken.

Warum habe ich die Klinik als Praktikumsplatz gewählt?

Weil ich das wirklich gut kann. Am Besten bin ich darin, Menschen ihre Gefühle zu erklären. Das klingt vielleicht erst mal blöd. Aber ich kann wirklich gut dabei helfen, die eigenen Gefühle zu benennen. Auszudrücken. Ihnen Raum zu geben.

Ich kann hinsehen, wertschätzen, zum Nachdenken anregen. Ventile finden. Zuhören, auffangen. Behutsam zurückweisen. Aufmerksam sein. In Beziehung gehen mit Leuten, denen das eigentlich schwer fällt. “Außenseiter” integrieren. Gefühle “wecken”. Ich kann Lösungen für Probleme finden, komplexe Zusammenhänge sehen, zwischenmenschliche Situationen in Blitzesschnelle erfassen. All das kann ich wirklich gut.

Ich kann in jedem Menschen Vielfalt und Bedeutung erkennen. Ich lehne niemanden ab. Ich sehe die Ressourcen und kremple negative Selbstbilder um.

Nur auf mich selbst aufpassen, dass kann ich manchmal nicht so richtig gut. Nähe und Distanz. Rolle finden. Selbstständig sein.

Ich bin groß und stark und erwachsen. Ein bisschen Aufregung und Angst vor einem (persönlich) wichtigem Praktikum ist normal, oder?

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Thema von Anders Norén