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Zwischen Wahnsinn und Erwartung – wie viel anders ist normal?

Gestatten, Die unterste Gesellschaftsschicht

Ich habe länger mit mir gehadert, ob ich diesen Beitrag wirklich posten möchte, auch mit dem Gedanken gespielt, das anonym zu tun. Aber dann dachte ich, Ehrlichkeit freiraus, darauf baut dieser Blog doch auf. Zu viel Anonymität klaut nur Authentizität.

Viel Spaß beim Lesen und nicht alles auf die Goldwaage legen, ich hatte beim Schreiben einen miesen Tag!

Ich fange mal von vorne an.

Ich bin ein Scheidungskind mit Eltern aus dem Osten. Der neue Freund meiner Mutter hatte ein Alkoholproblem. Mein Vater auch, aber das gibt er nicht gern zu.

Ich habe im Assiviertel der Stadt gewohnt. Im fünften Stock. Ich war in keiner Kita, sozialisiert wurde ich durch die Kinder “bildungsferner Familien” auf dem Innenhof. Meine Mutter war depressiv und nur manchmal mit dabei – mein Bruder war dann meistens mit mir draußen.

Meine gleichaltrigen Freunde waren kognitiv eingeschränkt. (Natürlich mochte ich sie! Ich freue mich immer noch, wenn ich sie zufällig treffe.)

Die Jüngeren durften nicht mit mir spielen, die Älteren wollten nicht. Ich habe eine Weile gebraucht um zu merken, dass ich nicht überdurchschnittlich intelligent bin, sondern die Kinder um mich herum eben unterdurchschnittlich.

So lang Mutter und Freund schliefen, habe ich ferngesehen. Irgendwann gab es Frühstück. Manchmal bin ich vorher schon rausgegangen. Manchmal später. Allein, mit fünf.

Bei uns gab es Fruchtfliegen. Nicht immer, aber oft. Mutter und Freund waren arbeitslos. Trotzdem haben wir nicht viel gespielt, ich erinnere mich jedenfalls nicht. Mein Zimmer war meistens zu mölig und dreckig für Besuch. Es war auch nicht hübsch. Ich hatte lange nur eine zerfledderte Matratze als Bett. Ich war Bettnässer.

In der Schule habe ich lange keine Freunde gefunden. Ich wusste einfach nicht, wie das geht. Ich weiß es bis heute nicht. Ich wurde viel geärgert. Ab der dritten Klasse gemobbt, sogar von der Lehrerin. Mit zehn dann ist eine Freundin von mir verstorben – sie würde getötet, von meinem Nachbarn – und ich von den anderen Kindern für schuldig erklärt.

Ihr Name steht heute auf meinem Handgelenk.

Ich wurde zwischendurch vernachlässigt, manchmal waren meine Eltern sehr präsent. Irgendwann haben sich Dinge verändert. Es wurde viel gestritten.

Wenn meine Mutter wütend wurde, wurde sie oft sehr verletzend, sie konnte mir selten helfen, meine Gefühle zu regulieren.

Ich war kein auffälliges Kind. Etwas ungepflegt, häufig Läuse. Aber sehr gewählte Ausdrucksweise, starker Sinn für Gerechtigkeit, überangepasst, ehrgeizig im Unterricht.

In der Pubertät waren die Lebensumstände stabil. Zwei Wochen in den Ferien und zu Feiertagen heile Welt bei Papa. Den Rest des Jahres bei Mama. Wir waren umgezogen. Der Freund nüchtern. Trocken. Die Mutter in Arbeit, der Bruder beim Bund.

Und Ich? Ich machte schlapp. Schwänzte die Schule. Fand meine Beziehung wichtiger als alles Andere.

Blieb tagelang im Bett. “Krieg deinen Arsch hoch”, brüllt Mutter ins Zimmer. Knallt die Tür. “Das was du da hast sind Depressionen,” brüllt sie. “Such dir Hilfe!” Ich bin 16. Wünsche mir, dass sie mir hilft.

Tut sie nicht, sie ist so verzweifelt und hilflos wie ich. Ich gehe zum Psychologen. Er verschreibt mir Tabletten. Ich schneide mich. Mache den Abschluss mit Ach und Krach. Ohne Prüfung. Übergangszeugnis, Klasse 11. Die Lehrer hatten höher gepokert. Ich bin getrennt. Finde den falschen neuen Freund. Mache Nägel mit Köpfen. FSJ in einer Großstadt. Hamburg ist schön.

Die Psychiatrie nach dem ersten Zusammenbruch hilft.

Borderline. Ptbs. Depressionen. Dissoziationen.

Das sitzt. Bei Mutter. Bei Vater.

Sie beide lieben mich. Ich sie auch. Sie unterstützen mich. Ein langer Weg beginnt.

Mit einer psychischen Erkrankung leben, das ist ein Bisschen wie durch Nebel laufen. Du weisst nie genau, was dein Innerstes noch für dich bereit hält. Du denkst immer mal wieder, du hast das Schlimmste geschafft. Und dann stößt du dir den kleinen Zeh. Trigger. Flashback. Ein neues Fass. Du änderst den Kurs, um den Widerstand zu umgehen. Bis du merkst, dass du drüber klettern musst, bist du aber ziemlich lang im Kreis gelaufen…

Ich habe eine Ausbildung begonnen. Ich habe gekifft und eine Psychose entwickelt. Ich habe noch schlimmere Erfahrungen mit Menschen gemacht. Wurde belogen, betrogen, körperlich angegangen und musste jemanden in den Suizid gehen lassen.

Ich bin schwanger geworden. Zu meinem Vater gezogen. Habe die Ausbildung wieder begonnen, den Mann verlassen, die Ausbildung abgeschlossen, eine weitere begonnen.

Da steh ich heute, wieder schwanger, wieder arbeitslos. Mit dem Kind an der Hand.

Er ist in der Kita. Ich habe manchmal Depressionen. Ich beziehe Hilfe vom Staat. Ich brauche eine Weile für meinen nächsten Versuch. Hab mir den Zeh gestoßen. Fange erst wieder an zu klettern.

Wir haben manchmal Fruchtfliegen. Aber meistens nicht. Ich sage manchmal verletzende Sachen, wenn ich wütend bin. Aber meistens beiße ich mir auf die Zunge. Hinterher entschuldige ich mich. Macht es das besser oder schlimmer? Ich weiß es nicht. Ich komm ja nicht aus meiner Haut.

Ich schreibe ein Buch. Für Kinder, wie meine. Mit psychisch kranken Eltern.

Ich freue mich auf das Baby. Und die neue alte Stadt.

Aber ich bin ganz unten, könnte “man” sagen. Die Gesellschaft. Ich bin die Assimuddi. Die ihr Kind manchmal anschreit.

Die noch lernen muss. Ich habe eine Geschichte. Und es ist Nebel. Ich habe nur meine Erfahrungen für die neuen Wege. Ich kann versuchen zu klettern, wenn ich mir den Zeh stoße.

Aber ist es so schwer zu verstehen, dass ich mir lieber nicht mehr weh tun will?

Ich brauche etwas länger. Ich hab Nebel im Kopf. Aber für meine Kinder baue ich Taschenlampen. Oder Blindenstöcke.

Gestatten, ich bin die unterste Gesellschaftsschicht.

Ich nutze Niemanden aus, ich ruhe mich nicht aus. Ich muss nur härter kämpfen für Dinge, die für euch normal sind.

Vertrauen in das Leben. Die Fähigkeit, nicht an den Tod zu denken. Soziale Kompetenz. Mich zugehörig fühlen.

Arbeitsfähig sein.

Und das ist nur meine Geschichte. Wie mögen die anderen aussehen?

“Dumm und faul” das geht leicht über die Lippen. Wisst ihr, was ich meistens sehe?

Angst und abgelehnt werden. Das ist “hier unten” los. Brücken bauen ist wichtig. Geschichten verstehen. Wege geben, an Wissen zu kommen. Verständnis. Akzeptanz.

Die immer gleiche Leier.

Mein Herzenswunsch. Pustet doch den Nebel einfach weg. Alle zusammen.

Mit Liebe und Lächeln

.. Na ihr wisst schon.

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2 Kommentare

  1. Kristina 16. November 2018

    So wahr! Toll geschrieben! ❤

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